Die Ärztin aus Genua

Die Ärztin aus Genua

Wie viel Hoffnung ist erlaubt im Epizentrum einer Katastrophe? Darf man an sich an Wunder klammern - oder muss man es vielleicht sogar?

Diese Geschichte setzt sich zusammen aus mehren Einzelteilen, die ich aus verschiedenen Quellen aufgegriffen habe.

Federica wusste nicht mehr, wie lange sie ihren Körper schon stummgeschaltet hatte. Die Notaufnahme schien ein Ort zu sein, an dem die Gesetze von Raum und Zeit nicht galten. Es war, als hätte sie sich selbst in eine Maschine verwandelt, als wäre sie eins geworden mit den Geräten um sie herum, die mit ihren regelmäßigen Atemgeräuschen und monotonen Piepen den Takt des Lebens vorgaben. Ebenso mechanisch machte auch sie ihre Arbeit: Sie überprüfte, intubierte, schrieb, gab Anweisungen, intubierte, schrieb und prüfte. Seit Stunden, Tagen, Wochen.

Etwas riss sie aus ihrem Tunnelblick. Eine Hand auf ihrer Schulter. Eine menschliche Hand, eine Berührung. Sie drehte sich um, langsam und ungläubig denn hier drinnen durfte es keinen Körperkontakt geben, das war jenseits des Möglichen. Erstens, weil es gegen die Hygienevorschriften verstieß und zweitens, weil eine menschliche Geste das Getriebe des Überlebenskampfes unterbrach.

Als Federicas Blick den Arm, der zu der Hand gehörte, hinunterwanderte, er über Schulter und Hals bis zum Gesicht glitt, brauchte sie einen Moment um zu verstehen, um welches Wesen es sich handelte. Hinter der Schutzkleidung, dem Mundschutz und der Brille war es schwer, noch menschliche Züge zu erkennen. Doch nach ein paar Sekunden merkte sie, dass sie ihrem Chefarztkollegen Dr. Alessandro Mancini gegenüberstand. Was tat er? Wieso hielt er sie vom arbeiten ab?

„Du solltest nach Hause gehen“, sagte er und auch durch seine Maske konnte Federica sein besorgtes und doch bestimmtes Gesicht erahnen. Alessandro war ein Mann mit einer außergewöhnlichen Sanftheit und natürlichen Autorität. Aber jetzt ergaben seine Worte keinen Sinn. Zuhause konnte sie nicht versorgen, beatmen, retten was noch zu retten war. Zuhause gab es keine Patienten. Zuhause gab es kein Covid 19.

„Du arbeitest seit 24 Stunden“, sagte er „du musst dich ausruhen“. Langsam drangen seine Worte zu ihr durch. 24 Stunden, das war ein ganzer Tag. Die zeitliche Absurdität dieses Krankenhauses hatte sich über sie hergemacht. Sie schaute auf die Uhr, halb 8. Das musste noch nichts heißen. Sie hatte ihre Schicht um 19 Uhr am letzten Abend begonnen. Die Uhr war analog, vielleicht war es halb 8 Uhr morgens. Aber schnell dämmerte es Federica, dass ihr Kollege Recht hatte. Sie hatte einen ganzen Tag lang gearbeitet. Eine Cola, ein Snickers und zwei Toilettengänge waren alles, was sie ihrem eigenen Körper gegeben hatte, während sie unentwegt damit beschäftigt war anderen Körpern zu geben, was sie am dringendsten brauchten: Sauerstoff.

Sie blickte sich um. Dies war nicht die Intensivstation aber überall um sie herum lagen Menschen, die mit dem Tod rangen, weil sie nicht mehr atmen konnten. Sie wurden an Maschinen angeschlossen, die den Takt des Luftholens vorgaben und jeden gesunden Menschen um den Verstand brachten, weil es neben diesen Geräuschen unmöglich war, noch dem eigenen Atemrhythmus zu folgen. Bisher hatte es Federica geschafft, alle Neuankömmlinge mit Luft zu versorgen aber sie betete, dass die Stunde nicht kommen würde, an denen es mehr Patienten als Beatmungsgeräte gab. Sie betete zu Gott.

Sie sah ihren Kollegen wieder an und nickte. Wenn sie in diesem Tempo weitermachte, würde sie in absehbarer Zeit neben ihren Patienten auf dem Boden liegen. Es war an der Zeit, die Signale ihres Körpers wieder auf laut zu stellen. Aber dann rollte ein weiteres Bett hinein, auf dem eine alte Dame lag. Ihre letzte Kranke für heute, versprach sich Federica selbst und ging hinüber zu ihrer neuen Patientin. Wortlos überreicht die Pflegerin ihr den Zettel mit den Aufnahmedaten. Federica fühlte sich wie in einem Alptraum, in dem sie immer wieder denselben Satz las. Fieber, Husten, Atembeschwerden – Verdacht auf Covid 19.

Auch in diesem Fall war es nicht anders. Dieselben Symptome aus der Hölle. Federica blickte von der Anamnese hoch auf das Geburtsdatum und stockte. Zuerst glaubte sie an einen Fehler. Sie schaute von dem Blatt auf die Dame und wieder zurück. Da stand es eindeutig: Geburtsjahr 1917. Die Patientin hatte gerade ihren 103. Geburtstag gefeiert. Man sah ihr das Alter nicht an. Aber andererseits war die gesellschaftliche Erwartung an über 100-Jährige auch, dass sie gar nicht mehr existierten, oder dass es ihnen zumindest ins Gesicht geschrieben stand, dass sie dem Tod näher waren als dem Leben. Diese Dame wirkte erschöpft aber, trotz ihres beeindruckenden Alters und einer vermuteten Lungenkrankheit, nicht resigniert.  

Federica begann mit derselben Prozedur, die nun schon seit über einer Woche ihr Leben bestimmte. Ihr Gehörgang schmerzte als sie das Stethoskop hineindrückte, um die Lungengeräusche der Dame abzuhören. Zu oft hatte sie genau diese Bewegung ausgeführt. Es war ein Schmerz der Abnutzung, der ihr signalisierte, dass sie ihre Ohren, ihre Hände und ihre Augen bis zur Überlastungsgrenze getrieben hatte. Doch noch ein letztes Mal für heute mussten sie ihren Dienst tun.

Der Atem der Frau ging flach, aber gleichmäßig. Allgemein schien der Zustand ihrer Lungen stabil. Zumindest wenn man bedachte, dass dieses Atemorgan schon seit über einem Jahrhundert zuverlässig Sauerstoff in die Blutbahn leitete. Wie viele Atemzüge hatte diese Lunge schon ausgeführt? Milliarden. Federica fragte sich, ob dieses Leben, das so viel gesehen, so viel erlebt hatte in diesem Krankenhaus enden würde. Kriege, Epidemien und Revolten waren an dieser Frau vorübergegangen. Sollte sie jetzt vor diesem Virus in die Knie gehen? Federica rief sich zur Ordnung. Über den Tod eines Patienten zu orakeln war nicht ihr Job. Sie würde diese Frau behandeln, wie jeden anderen Menschen auch.

Sie entschied, dass es vertretbar war, der Dame nur ein mobiles Sauerstoffgerät zur Verfügung zu stellen. Die Lungenfunktion schien für den Moment ausreichend. Wahrscheinlich hätte man ihr mit einem Schlauch in der Luftröhre mehr Schaden als Nutzen zugefügt. Sollte sich ihr Zustand verschlechtern, könnten Federicas Kollegen immer noch eingreifen. Für sie selbst war dieser endlos lange Tag vorbei. Es würde weitere endlos lange Tage geben, da war sie sich sicher. Aber jetzt gerade brauchte sie Schlaf.

Sie gab Dr. Mancini ein Zeichen in Richtung Tür. Er nickte kurz und machte sich dann selbst wieder an die Arbeit, die nicht in dem bestand, was irgendjemand von ihnen je zuvor erlebt hatte. Federica hatte sich darauf vorbereitet, dass sie sich von heute auf morgen in einer Ausnahmesituation wiederfinden könnte. Einem Terroranschlag, einer Massencarambolage. Aber das hier war anders als alles was sie sich ausgemalt hatte. Es hatte keinen lauten Knall gegeben, keine Schockwelle, die langsam aber sicher wieder abebbte. Dieser Tod war leise gekommen, mit einem Röcheln aus Tausend Kehlen. Er war herbeigeschlichen und hatte alles befallen, was sie gekannt hatten. Die Lungen, das Leben, den Alltag.

Sie trat hinaus aus diesem Raum, in dem sie körperlich und gedanklich gefangen gewesen war und begann, ihre Schutzkleidung auszuziehen. Darunter kam sie selbst langsam wieder zum Vorschein. Sie reinigte ihre Hände länger und intensiver als es nötig gewesen wäre doch das, was sie abwaschen wollte, ließ sich mit Wasser und Seife nicht beikommen. Dann ging sie den Flur hinunter durch die Eingangshalle und die große Glastür hinaus in eine andere Welt. Es war schon dunkel aber in der Luft lag noch immer ein Hauch von Frühling. Federica sog die Luft ein so tief sie konnte und ließ sie nur widerwillig aus ihren Lungen entweichen. Ihre Atmung war aus medizinischer Sicht normal, da war sie sich sicher. Trotzdem hatte sie das Gefühl, die Luft, die sie brauchte, nicht zu bekommen. Als würde etwas ihre Lunge blockieren. Es war nicht Covid 19, sondern die Angst in ihrem Kopf, die ihr die Luft zum Atmen nahm.

Sie entschied sich, ein Taxi zu nehmen. Normalerweise lief sie die 20 Minuten bis zu ihrem Haus oder nahm den Bus aber jetzt war beides nicht möglich und sie wollte so schnell wie möglich in ihr Bett. Als sie einstieg und ihre Adresse nannte, musterte sie der Fahrer finster. „Sind Sie Ärztin da drinnen?“, wollte er wissen. „Ja“, antwortete sie und fragte sich im selben Moment, was das zur Sache tat. Wollte er sie nicht befördern? Federica hatte gehört, dass Kollegen aus dem Krankenhaus mit Misstrauen und Angst zu kämpfen hatte. Sie hatten Tag für Tag mit Infizierten zu tun. Da war es nicht unwahrscheinlich, dass auch sie Träger des Virus waren.

Doch der Taxifahrer nickte nur und begann, loszufahren. Nach wenigen Minuten waren sie an Federicas Haustür, Verkehr gab es bis auf wenige Ausnahmen in diesen Tagen keinen mehr. Als sie ihr Portemonnaie heraussuchen wollte schaute sie der Fahrer an und schüttelte nur den Kopf. „Ich mache meine Arbeit damit Sie Ihre machen können“, sagte er, ohne eine Miene zu verziehen. Federica gelang ein Lächeln. „Dankeschön“, sagte sie und stieg aus.

Mit jeder Treppenstufe, die sie auf dem Weg hinauf zu ihrer Wohnung erklomm, fühlte sie die Energie aus ihrem Körper weichen. Das Adrenalin, das sie bis hierhin befeuert hatte, war verschwunden. Zurückgeblieben waren ein beißender Hunger und eine erschlagende Müdigkeit. Sie schaffte es gerade noch, sich ein Toastbroat und eine Scheibe Käse aus dem Kühlschrank zunehmen und in beides gleichzeitig hineinzubeißen. Dann zog sie ihre Klinikkleidung aus und stellte eine Waschmaschine an. Ein unendlicher Kraftakt. Im Schlafzimmer angekommen fiel sie auf ihr Bett und entglitt in eine Welt, die der glich aus der sie gerade entflohen war. Voller Atemgeräte, Krankenhausbetten und erdrückender Verantwortung.

Als sie erwachte konnte sie ihren Körper nicht bewegen. 

Sie lag starr im Bett und betrachtete die Sonne, die durch das Fenster hereinfiel wie durch einen Filter. Sie passte nicht zu Federicas Gedanken, sie passte nicht zu dem, was Italien gerade durchmachte. Doch sie schien weiter, unberührt von dem Leid, das sich zutrug, von dem Leid, dem Federica beiwohnen musste. Sie hatte schon viele Menschen sterben sehen, schließlich war sie Ärztin. Menschen starben an allen möglichen Krankheiten. Alte und junge, Greise und Kinder. Aber dieses Virus war ein unsichtbarer Gegner, es war mehr als ein bloßer Ausdruck der Kraft der Natur. Dieses Virus schien einen eigenen boshaften Willen zu besitzen.

Es war, als würde ihr Körper von einem tonnenschweren Betonklotz erdrückt. Jede Bewegung war unendlich anstrengend, ihr Kopf und ihre Glieder schienen an der Matratze zu kleben. Nach und nach schaffte es Federica trotzdem, sich aufzusetzen und sich umzusehen. Sie hatte heute frei, musste erst am nächsten morgen wieder in die Klinik. Doch es erschien ihr als wäre sie immer noch dort, als könne sie die Atemgeräte weiter höheren, das Desinfektionsmittel weiter riechen.

Sie dachte wieder an die alte Dame. Wie traurig war es, das Leben an so einem Ort auszuhauchen. Nicht würdevoll zu gehen, sondern den Kampf gegen ein aggressives Virus zu verlieren. Alleine zu sterben ohne Familie und Freunde. Warum ihr gerade ihre letzte Patientin des gestrigen Tages so in Erinnerung blieb, verstand Federica selber nicht. Vielleicht weil ihr das Alter vor Augen führte, dass es sich bei dieser Epidemie um ein Jahrhundertereignis handelte. Eines, dem selbst dieser langlebige Körper zum Opfer fallen würde.

Langsam kamen die Lebensgeister in Federicas Körper zurück und sie schaffte es, aufzustehen, sich einen Kaffee zu machen und ein Stück Pizza zu essen, das sie in ihrem Kühlschrank fand. Wie gerne würde sie jetzt einen Spaziergang im Freien machen, aber das entsprach nicht den strengen Vorschriften zum Infektionsschutz und Federica wusste, wie dringend notwendig diese Regeln waren. Also verbrachte sie den Tag in ihrer Wohnung, riss alle Fenster auf, um die fast schon sommerlich anmutende Luft hereinzulassen und wanderte vom Bett in ihren Sessel und wieder zurück. Sie kochte eine Portion Spaghetti, die sich noch in ihrer Vorratskammer befand und wunderte sich, wie schnell ein Tag vorbei gehen konnte, wenn sie nicht dafür verantwortlich war, Menschen zu beatmen.

Als es draußen dunkel wurde, dämmerte Federica die Einsicht, dass sie morgen wieder zurückkehren musste. Ihr Herz begann zu pochen und sie nahm wahr wie sich ihre Nackenhaare aufstellten. Durch ihre Blutbahn schien purer Strom zu schießen – das Adrenalin war wieder da. Sie wusste, dass sie gebraucht wurde, dass ihre Arbeit unendlich wichtig war, aber wenn sie die Wahl gehabt hätte, wäre sie mit ihrem Fiat weit weit weg gefahren. Alleine in eine Hütte ans Meer. Eines Tages, sagte sie sich, würde das wieder möglich sein. Urlaub zu machen, rauszugehen, mit Freunden eine Flasche Wein zu trinken, ein Fußballspiel zu schauen. Bis dahin musste sie durchhalten. Körperlich und psychisch. Die Möglichkeit aufzugeben oder zusammenzubrechen unter der Last der Verantwortung gab es nicht.

Sie schlief schlecht. Immer wieder wachte sie auf, wusste nicht wo sie war, sah Dinge vor sich, die nicht existieren, dämmerte irgendwo zwischen Schlaf und Wachzustand. Als ihr Wecker klingelte war es fast eine Erlösung, aufstehen zu dürfen und sich eindeutig in der Realität wiederzufinden. Sie nahm neue Arbeitskleidung aus dem Schrank und sah sich im Spiegel an. Unter ihren Augen waren dicke Ränder zu sehen. Ihre Klinikhose hing lose auf ihren Hüftknochen. Federica versprach sich, wieder mehr Rücksicht auf die Bedürfnisse ihres Körpers zu nehmen. Doch sie wusste selbst, wie schwierig das war, sobald sie wieder im Sog der Klinik gefangen war.

Die Taxifahrt zur Arbeit musste sie dieses Mal bezahlen. Nicht, dass es ein Problem für sie war. Sie wusste, dass die Fahrer es in diesen Tagen schwer hatten, überhaupt Fahrgäste zu finden. Doch die Geste ihres letzten Chauffeurs hatte sie berührt und ihr gezeigt, wie groß die Wertschätzung der Bevölkerung war für das, was sie tat. Auch, wenn sie sich selbst gestehen musste, dass sie alles andere lieber getan hätte, als in dieses Krankenhaus zurückzukehren.

Als sie ausstieg, blickt sie den Eingang lange an. Hier draußen gab es Ruhe und Sonnenschein, hier fiel es leicht, die Augen zu verschließen vor dem unsichtbaren Gegner, dem sie alle gegenüberstanden. Da drinnen war er allgegenwärtig. Obwohl sie Kriegsmetaphern hasste und auch die Ansprachen des Ministerpräsidenten ihr patriotisch überzogen vorkamen, fühlte sie sich in diesem Moment wie eine Soldatin, die an die Front zurückkehrte.

Sie atmete noch einmal tief durch und begann zu funktionieren. Schon nach wenigen Schritten vernahm sie die bekannten Geräusche, die den Anfang einer Kaskade ankündigten, in die sich die Patienten von hier aus einreihten.

Wenn sie das Gebäude betraten, war von überall her starker Husten zu hören. Am Empfang meldeten sich Menschen, die kaum noch sprechen konnten, weil sie bei jedem Versuch, einen Ton herauszubringen von einem übermenschlichen Hustenanfall geschüttelt wurden. Diejenigen unter ihnen, die zusätzlich noch an Atemproblemen litten, wurden weiter in die Notaufnahme geschickt. Alle, deren Zustand stabil war, mussten sich schon hier im Eingangsbereich auf provisorisch aufgestellte Betten legen. Einige von ihnen konnten das Krankenhaus nach wenigen Tagen wieder verlassen und mussten nicht teilnehmen an dem, was sich weiter im Inneren der Klinik abspielte. Die meisten aber hatten dieses Glück nicht. 

Je weiter die Patienten in der Viruskette vorrückten, desto stiller wurden sie. Dort, wo Federica arbeitet, waren noch Atemgeräusche durch mobile Sauerstoffgeräte zu hören, die Menschen blieben bei Bewusstsein. Verschlechterte sich ihr Zustand, mussten sie intubiert, auf den Bauch gedreht und in ein künstliches Koma versetzt werden. Es gab keine Heilung, sondern nur die Hoffnung, dass sich die geschwächten Körper von alleine wieder erholten. Oft blieb diese Hoffnung unerfüllt.

Am Ende war es still. Die Leichenhalle des Krankenhauses war schon jetzt überfüllt, obwohl der Höhepunkt der Epidemie noch bevorstand. Die Toten mussten zum Abtransport auf Kühllaster geladen werden. Auch ein letzter Abschied von ihren Familien in Form einer angemessenen Beisetzung sollte ihnen am Ende ihres Lebens verwehrt bleiben. Auf Anordnung der Regierung war der Besuch von Beerdigungen verboten.

Federica versuchte nicht daran zu denken, wie viele Patienten sie in den letzten Tagen auf diesen Weg durch das Krankenhaus hilflos hatte begleiten müssen. Sie fühlte sich jeder Macht beraubt, weil sie nicht viel tun konnte, als die Menschen kurzfristig vor dem Erstickungstod zu bewahren. Sie verstand ihren Job als Ärztin darin, für ihre Patienten die richtige Diagnose zu stellen und das geeignete Heilmittel zu finden. In diesem Fall stand schnell fest, woran die Leute litten, aber ein geeignetes Medikament dagegen gab es nicht.

Nach und nach zog sie sich ihre Schutzkleidung an, bis all ihre Gliedmaßen, ihr Gesicht und ihr gesamter Körper bedeckt waren. Nur ihr Namensschild verriet ihre Identität. Sie blickte an sich hinab und las was darauf stand, als wollte sie sich vergewissern, dass dieser Mensch im Spiegel tatsächlich sie selbst war. Dann öffnete sie die Tür und meldete sich zum Dienst.

Schnell merkte sie, dass sie nach wenigen Minuten wieder in ihren Arbeitsrhythmus eingestiegen war. Ihre Bewegungen, Anweisungen und Gedanken funktionierten wie automatisch. Sie war so beschäftigt, dass sie keine Zeit hatte nachzudenken über die tödliche Maschinerie, in der sie sich befand. Nach einiger Zeit, die aus einigen Minuten oder mehreren Stunden hätte bestehen können, bekam sie eine kleine Verschnaufpause. Alle Patienten waren für den Moment versorgt, es kam kein neues Bett durch die Tür hineingefahren.

In diesem unverhofft ruhigen Moment wanderten Federicas Gedanken wieder zurück zu ihrer ältesten Patientin. In welchem Stadium der Krankheit befand sie sich? War sie noch ansprechbar? Lag sie im Koma? War sie vielleicht sogar schon verstorben? Federica überprüfte die digitale Krankenliste in der Hoffnung, die Dame dort wiederzufinden. Zu ihrem Glück waren Ankunftszeit und Geburtsdatum vermerkt, so dass sie die Patientin anhand ihres ungewöhnlich hohen Alters schnell einer Karteinunmmer zuordnen konnte. Erleichtert stellte Federica fest, dass die Dame in einen anderen Trakt des Krankenhauses verlegt worden war und weiterhin nur mit einer mobilen Sauerstoffmaske versorgt werden musste. Ihr fiel ein Stein vom Herzen. Wieso bewegte sie dieses einzelne Schicksal so sehr? Bevor sie eine Antwort auf diese Frage gefunden hatte, wurde der nächste Patient mit Husten und Atemproblemen hereingebracht. Die Prozedur begann von vorne.

Sie arbeitete weitere Stunden am Stück ohne auf die Uhr zu schauen oder auf die Toilette zu gehen. Doch jetzt begannen Hunger und Durst sie zu quälen und sie nahm sich vor, eine vernünftige Mittagspause zu machen. Sie waren zu zweit hier, solange es keinen Notfall gab (der größer war als der allgemeine Notfall dieser Situation), konnte ihre Kollegin für ein paar Minuten alleine klarkommen. Federica gab ihr ein Zeichen und ging durch die Tür auf den Flur. Bevor Federica ihr selbst geschmiertes Brot im Pausenraum verzehren konnte, musste sie allerdings noch einen Besuch erledigen.

Sie ging in voller Schutzmontur die Treppe hinauf in den Teil des Krankenhauses, in dem ihre 103-jährige Patientin lag. Die Dame war in einem Vierbettzimmer untergebracht, das Federica nun vorsichtig betrat. Alle Betten waren belegt, alle Patienten an mobile Sauerstoffgeräte angeschlossen. Hinter ihrem Anzug und der Maske konnte sie niemand erkennen, aber hier waren ohnehin alle vollkommen darauf konzentriert, den lebensnotwendigen Sauerstoff in ihre Lungen zu transportieren und dabei das Gehirn davon abzuhalten, vor lauter Panik und Einsamkeit den Atemrhythmus hysterisch werden zu lassen.

Zu ihrer Rechten erkannte Federica die Dame wieder. Ihr weißes Haar kam unter dem Gummiband hervor, mit dem die Maske über ihren Mund- und Nasenbereich platziert worden war. Ihre Haut wirkte ledrig und blass, insgesamt schien ihr Zustand aber stabil. Federica wollte sich schon zum Gehen wenden, da öffnete die Frau ihre Augen und blickte sie an. Für einen Moment schien es, als würden sie beide miteinander kommunizieren. Als wären Schutzanzug und Sauerstoffmaske nur eine alberne Kostümierung, die sie jederzeit ablegen könnten, um echte Worte miteinander zu wechseln.

Natürlich sagte keiner von beiden etwas. Was hätte es auch zu sagen gegeben? Doch für Federica schien in diesem Moment ein stummes Einverständnis zu entstehen, dessen Bedeutung sie erst viel später erkennen sollte. Dann, nur ganz zaghaft und hinter der Sauerstoffmaske kaum zu erkennen, lächelte die Frau ihr zu. Es war eine Geste der ruhigen Zuversicht, als würde sie Federica sagen, dass sie nur Vertrauen haben müsste, dann würde alles gut werden: „Tuto andra bene“.

Federica war sich bewusst, dass all dies nur in ihrem Kopf passierte, dass die Patientin ihr wahrscheinlich nur aus Unsicherheit zugelächelt hatte, weil es sonst in dieser Situation nichts anderes zu tun gab. Wieso stand sie als Ärztin auch hier rum und starrte eine kranke Frau an? Aber aus irgendeinem Grund hatte ihr diese Begegnung Zuversicht gegeben, dass es ein Ende geben würde. Dass diese Situation vorüberging, dass es einen Ausweg gab aus ihrem Kampf gegen Tod und Verzweiflung.

Sie stieg die Treppe wieder hinunter, wusch sich gründlich die Hände und die Unterarme, entledigte sich ihrer Schutzkleidung und setze sich für ein paar Minuten hin, um ihr Pausenbrot zu essen. Sie hielt kurz inne, schloss die Augen und atmete durch. Tief und ausgiebig genoss sie das Gefühl von Luft in ihren Lungen und hatte zum ersten Mal seit Beginn der Krankheitswelle das Gefühl, befreit atmen zu können.

In den nächsten Tagen wurden ihre Besuche im Zimmer der alten Dame zur Routine. 

Wann immer es möglich war, stieg sie die Treppe hinab und betrat dieses eine Krankenzimmer. Immer mit der leisen Befürchtung, das Bett auf der rechten Seite könnte leer oder von einer anderen Person belegt sein. Jedes Mal atmete sie kurz durch, wenn sie den grauen Haarschopf und die ledrigen Hände erkrankte. Manchmal schlief die Dame aber oft genug war sie wach und schaute Federica ruhig und bestimmt an. Falls sie sich fragte, was eine Ärztin, die für diesen Teil des Krankenhauses noch nicht einmal zuständig war, hier jeden Tag zu suchen hatte, so merkte man es ihr nicht an. Keiner der beiden sprach in all der Zeit auch nur ein einziges Wort.

Die Besuche, so wenig rationalen Sinn sie auch hatten, gaben Federica Struktur, waren ein Ruhepol in ihrem sonst so hektischen Alltag. Fast zwei Wochen waren seit ihrem ersten Treffen in der Notaufnahme vergangen und Federica hatte immer noch nicht ergründen können, wieso gerade diese eine Patientin ihr so viel bedeutete. 

Wahrscheinlich war es die Gelassenheit der alten Frau, die Unerschütterlichkeit trotz ihres hohen Alters und der ernst zu nehmenden Situation in der sie sich befand. Während vielen Menschen die Panik in die Augen stieg, wenn sie die Notaufnahme betraten und die Beatmungsgeräte sahen, war diese Dame ruhig geblieben. Vielleicht hatten ihre Augen schon zu viel gesehen, um sich angesichts dieser Krise noch zu Angst hinreißen zu lassen. Vielleicht, so mutmaßte Federica, hatte man in diesem Alter seinen Frieden mit dem Tod ohnehin schon gemacht, so dass er auch im direkten Angesicht seinen Schrecken verlor.

Ein weiteres Mal stieg sie schnellen Schrittes die Treppe hinauf um in ihrer täglichen Mittagspause nach der alten Dame zu sehen. Als sie das Zimmer betrat, lag im ersten Bett auf der rechten Seite ein Mann. Federica sah sich um, in der absurden Hoffnung, die Frau würde in einem der anderen Krankenhausbetten weiterbehandelt. Natürlich blickte sie nur in fremde Gesichter. Sie machte eine entschuldigende Handbewegung und machte sich auf den Weg zurück in die Notaufnahme. Jetzt war es also so weit. War die Frau schon verstorben? Leise und unbemerkt und – bis auf die anderen notleidenden Seelen in ihrem Zimmer – alleine? Oder war sie nur auf eine andere Station verlegt worden, musste intubiert und beatmet werden? Ein Zustand, den ihr fragiler Körper mit Sicherheit nicht lange überleben würde.

Entmutigt ging Federica die Treppe wieder hinunter. Wohin jetzt? Zurück in die Notaufnahme? Wozu? Der Tod war ihnen überlegen, sie konnten nur hilflos danebenstehen, während er sein Werk tat. Was war ihre unendliche Anstrengung überhaupt wert? Wofür riskierte sie jeden Tag ihre körperliche und geistige Gesundheit? Sie beschloss stattdessen vor die Tür zu gehen. Nicht durch den Vordereingang, dafür hätte sie ihre Schutzmontur ablegen und sich desinfizieren müssen. Aber es gab nach hinten heraus eine kleine Terrasse, nicht viel mehr als zwei Betonklötze im Boden.

Federica trat hinaus. Ein Sonnenstrahl fiel ihr ins Gesicht, so dass sie die Augen zusammenkneifen und ihre Hand schützend an die Stirn legen musste. Sie ging zum Geländer der Terrasse, stütze sich mit beiden Händen ab und beugte sich vor. Sie versuchte zu atmen so tief sie konnte, aber die Blockade, diese unsichtbare Mauer in ihrer Lunge war wieder da. Wie eine leise Panik, ein leiser Zweifel an der Überlebensfähigkeit des menschlichen Körpers an sich.

Sie blickte auf. Jemand schob eine Frau im Rollstuhl über den Gehweg vor ihr in Richtung Parkplatz. Für einen Moment erhaschte Federica einen Blick auf das Gesicht der Person – es war die alte Dame. Sie hob ihren Blick und sah Federica an. Für den Bruchteil einer Sekunde trafen sich ihre Blicke und Federica verstand endlich das stumme Einverständnis, das die beiden seit ihrer ersten Begegnung geteilt hatten: Es musste Hoffnung geben.

Federica blickte ihrer Patientin hinterher, bis sie um die Ecke des Krankenhauses gebogen war. Dann wandte sie ihren Blick nach oben Richtung Sonne und atmete ein, so tief und langanhaltend, wie ihre Lungen es zuließen.

Nächste Geschichte: Vera schrieb mir eine Email von dem Ort, an dem diese Geschichte endet. Sie wisse nicht, ob ihr Erlebnis als “Lovestory” zähle. Vielleicht wäre es ohne Corona eine geworden. Mit Sonnenuntergang und Abschiedskuss.

This Post Has One Comment

  1. Clemens

    Liebe Teresa,

    wieder sehr bewegend. Danke.

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