Die alte Dame aus Madrid

Die alte Dame aus Madrid

Charos Geschichte bekam ich bei Whatsapp zugeschickt. Uns allen fällt es schwer, die gewohnten Routinen aufzugeben. Doch was, wenn diese Routinen alles sind, was man noch hat? Über Gewohnheiten, Einsamkeit und den Sinn, morgens noch aufzustehen.

Wie ein eingespieltes Orchester,in dem jeder Musiker den Part des anderen kennt, in dem niemand mehr die Noten braucht, weil alle Töne wie automatisch ineinandergreifen und am Ende eine einzige, gemeinsame Melodie erklingen lassen. Wie eben jenes Orchester funktionierten Charos Hände. Jeder Handgriff war jahrzehntelang eingeübt. Das Aufsetzen des Kaffees, das Schneiden des Brotes, das Anstellen des Radios.

Wenn der Ton der acht Uhr Nachrichten ertönte, nahm sie die Streichholzschachtel aus der Schublade und schüttelte sie zweimal kurz, um zu hören, ob noch Hölzer übrig waren. Dann entzündete sie den Gasherd. Ab und an geschah es, dass das Geräusch der aufeinanderschlagenden Hölzer ausblieb. Dann unterbrach sie die Routine kurz, nur um eine neue Schachtel aus der Schublade zu nehmen. Ebenfalls ein kurzes Schütteln und die allmorgendliche Symphonie konnte weiterklingen.  

Seit bald 60 Jahren lebte sie in dieser Wohnung mit dieser Küche. Anfangs hatte sie das Frühstück für ihren Ehemann bereitet, dann für die Kinder und schließlich nur noch für sich selbst. Doch die Handgriffe waren stets dieselben geblieben.

Sie setzte sich an ihren kleinen Küchentisch und begann zu Essen. Die Tischdecke aus Plastik war an den Rändern vergilbt, genau dort, wo die Sonne morgens an den Schornsteinen vorbei durch ihr Küchenfenster in die Wohnung fiel. Charo liebte diese Sonne. Wenn sie die Augen schloss sah sie andere Zeiten vor sich. Zeiten, in denen ihre Hände noch jung gewesen waren, ohne die vielen Narben des Lebens, die Falten und die Furchen.

Sobald die Sonne sich vom Frühstückstisch verabschiedet hatte, um ihre Runde um die Häuser weiterzudrehen, brach Charo auf zum Markt. Sie kannte die Händler, ihre Familiengeschichten und den Preis des Gemüses auswendig. Waren die Kartoffeln mal wieder teurer geworden, beklagte sie sich und fragte, wo das denn noch hinführen sollte. Die Händler kannten das Spiel der alten Dame und spielten es mit. Charo, sagten sie, alles wird teurer, wir müssen auch sehen wo wir bleiben. Am Ende lachte sie jedes Mal und kaufte trotzdem all das, was sie immer kaufte.

Sie war auf diesen Markt gegangen als Franco das Land noch fest im Griff hatte und auch später, als Menschenansammlungen wegen der Baskischen Terrorgruppe ETA als risikoreich galten. Sie kam hier her weil es ein fester Bestandteil ihres Lebens, ihrer Routine, war und sie sich hier zuhause fühlte.

Heute merkte sie, dass sich weniger Menschen als sonst an ihr vorbeischoben.

Seit einigen Jahren waren viele Touristen unterwegs, junge Menschen, die in Sprachen redeten, die Charo nicht verstand. Die sich kaum für die Gemüsehändler interessierten, sondern nur Churros aßen und sich dabei mit ihren Handys fotografierten. Trotz ihres Alters von 79 Jahren war Charo eine aufmerksame Frau geblieben, die Veränderungen um sich herum genau registrierte.

Bei Pancho kaufte sie am liebsten ihre Tomaten, weil sie bei ihm nicht so groß und saftig waren, sondern etwas kleiner, schrumpeliger und voller Erde, was Charo an ihre Kindheit erinnerte.Von Pancho erfuhr sie, dass viele Händler gar nicht erst angereist waren, weil seit Tagen die Touristen ausblieben. Nur die lokalen Bauern waren noch da, weil sie keine andere Wahl hatten und weil sie von Einheimischen wie Charo profitierten, die lieber lokale Händler unterstützen, als in den Supermarkt zu gehen. Auch, wenn die Lebensmittel dort deutlich billiger waren.  

Charo war es herzlich egal, ob die Touristen kamen oder wegblieben. Im Gegenteil, sie genoss die ungewohnte Ruhe und drehte mit den Einkäufen in der Tasche noch eine Extrarunde an dem großen steinernen Wasserspeier vorbei. Normalerweise war hier alles voll mit jungen Leuten, die Fotos machten, Münzen ins Wasser warfen und sich lautstark unterhielten. Heute war es ruhig und Charo konnte das Plätschern des Brunnens hören.

Natürlich wusste sie, was der Grund für die plötzliche Idylle war. Seit dem Ausbruch dieser neuen Krankheit waren die Leute verunsichert und blieben zuhause. Im Radio hatten sie angekündigt, dass vielleicht bald die Geschäfte geschlossen würden. Was war schon dabei? Solange sie hier auf dem Markt noch alles bekam, was sie brauchte, wollte sie diese abscheulichen überklimatisierten Höllenläden ohnehin nicht betreten.

Morgen würde sie wiederkommen und dann würde sie es anders machen als sonst. Mehr Kartoffeln, Möhren und Äpfel kaufen für einen besonderen Tag, ihren 80. Geburtstag. Eigentlich war es ihr nicht wichtig, wie alt sie war. Das war ohnehin nur eine Zahl, die wenig darüber aussagte, was in einem Menschen wirklich vorging.

Ihr Mann war mit nicht einmal 70 schon ein Greis gewesen, hatte all das aufgegeben, was ihm einmal wichtig gewesen war. Er wurde übellaunig und unerträglich, schimpfte und sagte unaussprechliche Dinge. Charo hatte ihm weiter das Frühstück gemacht, die Wäsche gewaschen und war für ihn einkaufen gegangen. Als er eines Tages neben ihr im Bett nicht mehr aufwachte, hatte sie sich dabei ertappt, kurz durchzuatmen. Sie war unendlich traurig über seinen Tod gewesen aber auch unendlich erleichtert. Jetzt überdeckte diese Gestalt nicht mehr die Erinnerung an den Menschen, der er einmal gewesen war.

Nein Geburtstage waren nicht wichtig. Was wichtig war, war Gesellschaft. Ihre Töchter hatten sich angekündigt mit ihren Enkeln. Sie führten das Leben der Hauptstadt und waren immer so furchtbar beschäftigt. Immer schien es etwas zu tun zu geben. Immer mussten sie irgendetwas tun, von dem sie sagten, es mache ihnen Spaß aber dann beschwerten sie sich doch wieder, nie Zeit für sich zu haben. Sie besuchten Charo nur selten, aber ein 80. Geburtstag schien ihnen doch wichtig genug zu sein. Wahrscheinlich hatten sie sich den Tag sogar in ihren Terminkalender eingetragen. Charo war ein Termin.

Der nächste Morgen, dieselben Handgriffe. Brot, Kaffee, Streichholzschachtel.

Als sie das Radio anstellte, die Sonne begrüßte und den 8 Uhr Nachrichten lauschte, erfuhr sie, dass die Läden ab heute tatsächlich geschlossen waren. Ausnahmen waren Lebensmittelgeschäfte und – sie schickte ein Dankgebet zum Himmel – die Märkte. Kurz hatte sie Angst gehabt, für ihr kleines Fest nicht einkaufen gehen zu können. Dann hätte sie improvisieren müssen. Wahrscheinlich wäre ihr ein Kuchen auch so gelungen, Äpfel hatte sie noch da und auch an Mehl fehlte es nicht. Aber frisches Obst und Gemüse waren doch etwas anderes.

Als sie diesmal durch die engen Gassen bergab in Richtung des Platzes mit dem Springbrunnen ging, merkte sie direkt, dass etwas anders war. Nur noch wenige Stände waren geöffnet, zwischen ihnen klafften große Lücken wie Wunden, die jemand in die Seele der Gemeinschaft gerissen hatte.

Pancho war nicht da. Charo kaufte stattdessen all ihre
Besorgungen bei einem andalusischen Bauern, der sie kaum begrüßte und sie auf ihre Frage, wo seine Kollegen seien, ansah, als sei sie senil. Corona, murmelte er. Ja, dachte Charo, ich weiß, aber bisher waren sie doch immer gekommen. Sie hatten gemeinsam gelacht über all das was in der Welt passierte. Der Markt war für sie ein Ort gewesen, an dem die Zeit still stand. Jetzt, so schien es, war auch er infiziert von einer Seuche, die sich in den Köpfen der Menschen schneller verbreitete als in ihren Körpern.

Charo kehrte zurück durch die ihr so vertrauten Straßen und nahm die Treppen hinauf zu ihrer Wohnung. Als sie ihre Einkäufe abgestellt hatte, klingelte das Telefon. Es war ihre älteste Tochter, die wohl schon zum wiederholten Mal versucht hatte, sie zu erreichen. „Mama, wo warst du denn?“, fragte sie entgeistert. Charo war über diese Frage verdutzt und auch leicht verärgert. Sie hatte ein Leben außerhalb ihrer eigenen vier Wände. Jeden Tag ging sie zum Markt und das wusste ihre Tochter auch.

Ohne eine Antwort abzuwarten, sagte ihre Tochter mit ernster Stimme „du darfst nicht mehr rausgehen, Mama, es ist zu gefährlich“. Charo konnte darauf nichts erwidern denn ihre Tochter fuhr unbeirrt fort „Du gehörst zur Risikogruppe, das Virus kann dich töten, wir kaufen für dich ein aber wir dürfen dich nicht sehen“. Charo schaffte es, zu antworten und hörte sich selbst wie durch eine Tonaufnahme sagen „Aber mein Geburtstag“. Ihre Stimme klang wie die eines enttäuschten kleinen Kindes. Jetzt war es also soweit, sie und ihre Tochter hatten die Rollen getauscht.

„Wir feiern deinen Geburtstag, wenn all das wieder vorbei ist“, sagte ihre Tochter „das verspreche ich dir. Aber das wichtigste ist, dass du gesund bleibst“. Charo antwortete nicht, sondern starrte stattdessen auf ihre Wanduhr. Gesund bleiben? Wofür? Wenn sie ihr Leben nicht mehr leben konnte wie bisher, welchen Wert hatte dann noch ihre Gesundheit? Sie wurde wütend, ihre Tochter verhielt sich mal wieder sehr egoistisch.

Am Leben zu bleiben war ein sentimentaler Wunsch der Angehörigen. Sie hier vor sich hinvegetieren zu lassen war eine Strafe. Was half es ihr, 100 Jahre alt zu werden, wenn sie ganz alleine war? All das konnte sie nicht in Worte fassen. Stattdessen nickte sie und hörte sich antworten „Sí, de acuerdo“.

Sie legte auf und fing wie mechanisch an, ihre Einkäufe zu verstauen. Was sollte sie jetzt mit all den Lebensmitteln anfangen? Was sollte sie jetzt mit sich selbst anfangen? Sie setzte sich in ihren Sessel und beobachtete die Sonne vor ihrem Fenster, bis diese sich durch ihr Wohnzimmerfenster von ihr verabschiedete.

Als sie sich schlafen legte, dachte sie an ihren Mann. Vielleicht wäre es das Beste, nicht mehr aufzuwachen, so wie er. Zum ersten Mal fragte sie sich, ob es seine Entscheidung gewesen war oder ob sein Körper für ihn entschieden hatte. Charo zog die Luft durch ihre Lungen ein. Auf ihren Körper konnte sie sich nicht verlassen. Ihr Herz schlug viel zu lebendig, um sie von dieser Einsamkeit zu befreien.

Wie jeden Morgen wachte sie um Punkt sieben Uhr auf

Sie war noch am Leben, wie nicht anders zu erwarten gewesen war. Und es war ihr Geburtstag. Nach und nach drangen diese Erkenntnisse zu ihr vor. Den Gedanken, der danach an ihre Tür klopfte, hätte sie am liebsten ausgesperrt. Sie durfte nicht rausgehen. Niemand würde sie besuchen an ihrem 80. Geburtstag. Charo tat etwas, das sie noch nie getan hatte. Sie blieb liegen.

Sie kochte keinen Kaffee und briet keine Spiegeleier. Die Streichholzschachteln blieben stumm, genau wie das Radio. Charo starrte an die Decke und rührte sich nicht.

Sie wusste nicht genau, ob sie wieder eingeschlafen war oder einfach in Trance vor sich hingedämmert hatte, doch ein Geräusch riss sie aus ihrer Lethargie. Die Türklingel. Hatte sie sich das eingebildet? Vorsichtshalber blieb sie liegen. Noch einmal: die Türklingel.

Sie war noch im Schlafanzug und wollteso die Tür nicht öffnen aber die Person hörte nicht auf zu klingeln und ihren Namen zu rufen. Vielleicht war es ein Notfall? Sie erhob sich aus dem Bett und öffnete, doch da stand niemand.

Sie brauchte einen kurzen Moment, um ihren Blick umher wandern zu lassen, bis er schließlich auf den Kuchen fiel.Ein kleiner Hocker stand dort, darauf ein Kuchen und eine Kerze. Auf der Treppe erkannte sie  einen jungen Mann, er hatte wohl geklingelt. „Komm raus“, rief er ihr zu „das ist von all den Nachbarn, sie sind alle hier“. Charo trat einen Schritt vor die Tür und hörte durch das geöffnete Fenster einen Chor singen: „Cumpleanos feliz“ – Zum Geburtstag viel Glück.

Als sie aus dem Fenster in den Innenhof schaute, sah sie ihre Nachbarn. Junge und alte, Paare und kleine Kinder die alle dieses Lied sangen, für sie. Einige kannte sie aber andere hatte sie noch nie zuvor gesehen. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

All das war für sie? All das war für sie. 

 

 

 

Nächste Geschichte: Vera schrieb mir eine Email von dem Ort, an dem diese Geschichte endet. Sie wisse nicht, ob ihr Erlebnis als “Lovestory” zähle. Vielleicht wäre es ohne Corona eine geworden. Mit Sonnenuntergang und Abschiedskuss.

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