Der Mann auf dem Friedhof

Der Mann auf dem Friedhof

Die echten Namen der Protagonisten kenne ich nicht. Ihre Geschichte aber ist wahr. Sie erzählt davon was passiert, wenn Corona nur ein Nebengeräusch ist in dem Schmerz, den einige tagtäglich ertragen müssen. Von geteilter Trauer und verbindender Einsamkeit.

 

Zuerst streifte ihr Blick den Mann auf der Bank nur flüchtig. Sie hatte geschaut, ohne zu begreifen – wie der Geist es manchmal tut, wenn er woanders ist. Eigentlich waren ihre Augen gar nicht darauf aus gewesen, etwas zu sehen. Doch etwas an diesem einsamen Mann auf dem Friedhof hatte Lana innehalten lassen. Als ihr Blick stehen blieb, fixierten sich auch ihre Gedanken auf das, was sie sah. Ein junger Mann, so schien es zumindest von ihrem Fenster aus, alleine auf einer großen Holzbank.

Sie hatte sich daran gewöhnen müssen, aus ihrem Küchenfenster direkt auf den Friedhof zu schauen. Als sie eingezogen war, hatte es sie gegruselt, mittlerweile genoss sie vor allem die Ruhe. Manchmal blieb sie eine Weile stehen und beobachtete die Menschen, die dorthin kamen, um ihre verstorbenen Angehörigen zu besuchen. Ab und an konnte sie auch eine Beerdigung sehen. Doch dann wandte sie den Blick meist schnell ab und verzog sich in einen anderen Teil ihrer Wohnung. Der frische Tod war ihr nicht geheuer.

Jetzt hielt sie inne, das Trockentuch und den Teller noch in der Hand, und betrachtete diesen Mann. Er hatte einen blonden Haarschopf und eine braune Lederjacke an, aus der eine dunkelblaue Kapuze ragte. Es kam nicht oft vor, dass junge Menschen viel Zeit auf diesem Friedhof verbrachten. Die meisten Besucher machten den Anschein, die 70 weit überschritten zu haben. Sie kamen mit Blumen und Kerzen, legten sie auf den Gräbern ab und gingen dann wieder. Aber er, er saß einfach da.

Lana blieb noch ein paar Sekunden so stehen und fragte sich, was sie an diesem Mann so faszinierte. Dann zuckte sie die Achseln, drehte sich um und machte sich daran, den Rest des Abwaschs abzutrocknen. Den übrigen Nachmittag verbrachte sie mit Yoga, Duschen und Netflix. Genau, wie es sich für einen Sonntag gehörte.

Am nächsten Tag klingelte ihr Wecker wie jeden Tag um 05:45 Uhr und riss sie aus ihren Träumen. 

So sehr sie ihren Job als Polizistin auch liebte, an das frühe Aufstehen hatte sie sich nie gewöhnen können. Der erste Kaffee machte sie wacher und sie begann, ihre Uniform anzuziehen. Bevor sie das Haus verließ betrachtete sie sich kurz im Spiegel und lächelte. Das Abzeichen, die Jacke und die Pistole an ihrem Gürtel halfen ihr dabei, in eine Rolle zu schlüpfen, in der sie sich selbst respektierte.

Heute stand eine Trainingseinheit mit Soldaten der Schweizer Armee an. Es ging um die „Überwachung von unfriedlichen Menschenansammlungen und Eindämmung von Krawallen“ wie es in Beamtendeutsch hieß. Kurz: Protestkontrolle. Wieso ausgerechnet die Schweizer Armee ihnen da wertvolle Tipps geben sollte, war Lana schleierhaft. In ihrer Vorstellung gab es in der Schweiz keine „unfriedlichen Menschenansammlungen“. Vielleicht deshalb, weil die Schweizer Armee so gut darin war, sie zu kontrollieren? Lana absolvierte die Übung gewissenhaft und hörte auf, sie zu hinterfragen, „Wie eine gute Polizistin“, dachte sie und schmunzelte. Klischees bestätigt.

Als sie abends nach Hause kam, war sie komplett fertig. Ihre Glieder schmerzten, ihr war kalt und sie hatte Hunger. Welches Bedürfnis zuerst befriedigen? Zuerst einmal raus aus der vom Regen durchnässten Uniform und dann unter die Dusche. Danach zog sie sich zufrieden ihren Bademantel über und ging in die Küche. Sie liebte das Gefühl von getaner Arbeit, wenn sie spürte, dass nicht nur ihr Geist, sondern auch ihr Körper in Höchstform waren. Dass sie sich auf beide voll und ganz verlassen konnte.

Als sie ihre Spaghetti in die Mikrowelle stellte, sah sie aus dem Fenster und hätte den vollen Teller fast fallen gelassen. Er saß wieder dort. Im Schein der Laterne, auf derselben Bank. Im Regen, in der Dunkelheit. Sie stellte ihren Teller ab und bewegte ihr Gesicht näher an die Scheibe, so dass sie ihre eigene Reflektion nicht mehr sehen konnte. Tatsächlich. Es war ohne Zweifel derselbe Mann.

Lana starrte noch ein wenig hinaus und überlegte, ob sie ihm einen Schirm bringen sollte. Aber irgendwie kam ihr das ganze so unwirklich vor. War er wirklich da oder bildete sie sich das ein? Ein Schauer lief ihr den Rücken herunter, sie merkte wie Angst in ihr aufstieg. Blödsinn, sie war Polizistin, sie hatte keine Angst vor einem Mann auf einem Friedhof, ob er jetzt real war oder nicht. Schon gar nicht, wenn sie ihn aus sicherer Entfernung durch ihr Küchenfenster beobachten konnte.

 Irgendetwas hielt sie trotzdem davon ab, zu ihm hinaus zu gehen. Ein Friedhof war ein Ort, an dem die innerste Trauer nach außen gekehrt wurde, an den man ging, um Schmerz und Erinnerungen aufleben zu lassen. Es war kein Ort für neue Begegnungen und nette Gespräche mit Anwohnern. Lana wusste nicht, ob das eine Ausrede war und sie in Wahrheit Scheu hatte, diesem Mann zu Nahe zu kommen aus Angst, seine Trauer könnte sich auf sie übertragen. Als ob der Tod ansteckend wäre.

Inmitten all dieser Gedanken vernahm Lana eine Melodie. Nur ganz leise drang es durch das auf Kipp geöffnete Fenster. Er sang ein Lied. Sie blickte hinaus und sah, dass er nicht mehr auf der Bank saß, sondern an dem dunklen Grabstein gegenüber lehnte, den Kopf nach unten gesenkt hatte und leise vor sich hinsang. Nach einiger Zeit ging der Klang über in ein leises Schluchzen.

Lanas Herz krampfte sich zusammen. Es war furchtbar mitanzusehen, mitanzuhören, dass dieser Mann anscheinend schlimme Qualen litt. Es einen Verlust zu betrauern gab, der stärker war als Kälte, Regen und Einsamkeit. Wieder spielte sie mit dem Gedanken, zu ihm hinaus zu gehen. Wieder tat sie es nicht. Stattdessen beeilte sie sich, die Spaghetti aufzuwärmen und sich auf ihr Sofa vor den Fernseher zu setzen. Die Küchentür schloss sie mit Absicht fest hinter sich zu.

Die Nachrichten waren voll von diesem Virus, welcher Maßnahmen er bedurfte und ob die Leute von zuhause arbeiten sollten. Etwas übertrieben, fand Lana, dass man nur noch davon redete. Trotzdem war sie dankbar, sich über etwas anderes als den trauernden Mann vor ihrem Fenster Gedanken machen zu können. Als sie den Fernseher ausstellte und den Teller zurück in die Küche brachte, war der Mann verschwunden.

Während sie ihre Zähne putzte, sich den Schlafanzug anzog und das Licht ausknipste, konnte sie nicht aufhören an ihn zu denken. Wieso saß er da jeden Tag? An wessen Grab? Sie ärgerte sich über ihre eigene Scheu, zu ihm zu gehen. Wegzusehen und die Tür zuzumachen war ein Verhalten, das sie verabscheute – das Gegenteil von Zivilcourage. Wenn wir aufhören, uns um unsere Mitmenschen zu kümmern, geht die Welt vor die Hunde, dachte sie und nahm sich vor, ihren Fehler am kommenden Tag wieder gut zu machen.

Am nächsten Morgen kochte sie einen Tee und füllte ihn in eine Thermoskanne.

Dann nahm sie ihre Sofadecke und ging hinaus auf den Friedhof. An der Bank angekommen, platzierte sie beides so, dass er es bei seinem nächsten Besuch nicht übersehen konnte. Sie hatte sich vorgenommen, nicht auf das Grab zu schauen, das gegenüberlag. Aber jetzt war die Neugier doch zu groß und ihr Kopf drehte sich wie ferngesteuert in Richtung des dunklen Steines.

Zwei Menschen mit demselben Nachnamen waren in den Grabstein gemeißelt. Lana rechnete Geburts- und Todesdatum zurück und schluckte. Die erste Verstorbene war nur 32 Jahre alt geworden. Als ihr Blick den Granitstein weiter hinunterwanderte merkte sie, wie sich ihre Kehle zuschnürte und ihr Herz wie wild anfing zu schlagen. 2018 bis 2020 – die zweite Person war noch ein kleines Kind gewesen. Es schien ihr als lägen hier Mutter und Sohn.

Die Erkenntnis übermannte sie. Er musste der Vater sein. Das Grab war noch sehr frisch, seit dem Todesdatum waren knapp drei Wochen vergangen. Lana konnte und wollte sich nicht ausmalen, wie er sich fühlen musste. Sie betrachtete die Thermoskanne und ihre Decke. Was sollte das schon bringen gegen einen so unbegreiflichen Schmerz wie seinen?

Sie wandte sich ab und machte sich auf den Weg zurück in ihre Wohnung. Wie in Trance zog sie die Uniform an und machte sich auf den Weg zur Arbeit. Immer wieder dachte sie zurück an dieses Grab und den Unbekannten. Wie es ihm jetzt wohl ging? Wie konnte man nach so einem Schicksalsschlag überhaupt weiter funktionieren? Vor sich hinleben, essen, atmen?

Der anstrengende Arbeitstag half ihr dabei, auf andere Gedanken zu kommen. Ihr Dienstleiter richtete sie darauf ein, wie sie eine Ansteckung durch das Virus auf Streife vermeiden konnten, welche Sicherheitsvorkehrungen es zu beachten galt. Nach einem langen und kräftezehrenden Tag stand sie schließlich wieder vor ihrer Haustür und schloss auf. Ihr Blick fiel auf ihre Decke und die Thermoskanne, die einer ihrer Nachbarn auf die Fensterbank gelegt hatte. Darauf lag ein Brief. Statt einer Adresse stand dort: Danke für Decke und Tee.

Lana hielt inne, atmete ein und hielt die Luft so lange wie möglich in ihrer Lunge. Der Brief war für sie. Sie nahm ihn in die Hand und mit sich hinauf in die Wohnung. Dort angekommen legte sie ihn auf den Esstisch und betrachtete ihn lange. Sie war nervös, wusste nicht was sie erwarten sollte, wusste nicht was sie erwarten wollte. Schließlich nahm sie den Umschlag in die Hand, riss ihn auf und las.

Liebe Unbekannte,

du hast mir mit deiner Geste ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Ein Lächeln, welches mir in dieser Zeit ungemein hilft, jede Sekunde dieser endlos langen 24 Stunden zu überstehen. Und dafür möchte ich dir danken von Herzen. Bewahre dir deine Empathie, das Leben wird sich dafür angemessen bei dir bedanken.

Liebe Grüße, hochachtungsvolle Grüße, Ein Papa

PS: Falls du dich melden möchtest 0164….

Lana stiegen die Tränen in die Augen. Sie hatte Recht gehabt mit ihrer Vermutung. Vor ihrem Fenster saß ein Vater, der um seine Familie trauerte. Sie las den Brief ein zweites Mal. Dann ging sie in die Küche und schaute hinaus, auf das Grab, das er besuchte. Es war verwaist, der Fremde war nicht da.

Sollte sie ihm antworten? Was sollte sie schreiben? Es gab keine Worte, die diese Last von seiner Schulter hätten nehmen können. Alles, was ihr einfiel klang schrecklich banal. „Es tut mir Leid“ oder „Herzliches Beileid“ waren leere Phrasen und etwas anderes fiel ihr nicht ein. Sie wollte die Entscheidung jetzt nicht treffen, vielleicht kamen sie ja noch, die richtigen Worte.

Um sich abzulenken, schaltete Lana den Fernseher wieder an. In den Nachrichten diskutierten sie über eine Ausgangssperre wie sie bereits in Italien herrschte – alles wegen der Epidemie. Verrückterweise fragte sich Lana als allererstes ob davon auch Friedhofsbesuche betroffen sein würden. Dann könnte er nicht mehr zu diesem Grab gehen. Man würde ihm den letzten Ort nehmen, an dem er seiner Familie nah sein konnte. Was war so ein Virus schon gegen das Leid, das er ertragen musste?

Nach den Nachrichten entschied Lana sich dafür, früher als sonst ins Bett zu gehen. Morgen wartete ein weiterer anstrengender Tag auf sie und sie fühlte sich müde und zerschlagen.

Nach nur wenigen Stunde Schlaf wachte Lana auf.

Sie schaute auf den Wecker: 01:45 Uhr. Sie stand auf, um sich ein Glas Wasser zu holen. Als sie die Wärme des Bettes verließ merkte sie, wie sie anfing zu zittern, es ihr kalt den Rücken hinunterlief. Im Bad beugte sie sich nah an den Spiegel und stütze ihre Arme dabei auf beiden Seiten des Waschbeckens auf. Sie sah blasser aus als sonst, unter ihren Augen waren tiefe Ringe zu sehen. Oder bildete sie sich das nur ein? Wurde sie krank? Corona?

Für den Moment konnte sie nichts tun als sich wieder hinzulegen. Unter der Bettdecke zog sie ihre Knie nah an die Brust, um möglichst wenig Wärme abzugeben. Die Hände schob sie zwischen ihre Oberschenkel. Trotzdem hörte das Zittern nicht auf. Lana schloss die Augen und entglitt in einen Zustand irgendwo zwischen der Realität und einer Welt wilder Träume und Gedanken. Als ihr Wecker klingelte fühlte sie sich nicht in der Lage aufzustehen. Sie brauchte mehrere Minuten bis sie die Kraft gesammelt hatte, sich umzudrehen und den Wecker auszuschalten. Es konnte keinen Zweifel mehr geben, sie hatte Fieber.

Sie wusste genau wo ihr Handy lag, auf dem Esstisch in der Küche. Der kam ihr mit einem Mal eine Odyssee weit weg vor: von ihrem Bett aus dem Schlafzimmer durch den Flur in die Küche. Aber sie musste ihrem Arbeitgeber Bescheid sagen. Erstens, dass sie nicht kommen konnte und zweitens, dass sie Fieber hatte und ein starkes Kratzen im Hals. Das war in diesen Zeiten sicherlich eine Meldung Wert.

Fast wäre sie wieder eingeschlafen aber dann schaffte sie es doch, die Beine aus dem Bett zu heben, aufzustehen und in die Küche zu gehen. Dort angekommen musste sie sich erstmal hinsetzen, bevor sie den Kontakt ihres Chefs im digitalen Telefonbuch suchen konnte. Er schien wenig begeistert aber auch wenig überrascht. Bereits gestern Abend hatte er die Mitteilung bekommen, dass einer der Soldaten aus der Schweizer Armee, die zum Training nach Deutschland gekommen waren, positiv auf Covid-19 getestet worden war. Lana war die erste, die sich angesteckt hatte aber wahrscheinlich nicht die letzte.

Ihr Chef mahnte sie trotzdem, einen Test beim Gesundheitsamt oder in einem nahegelegenen Krankenhaus machen zu lassen. Um Klarheit zu haben. Fast hätte Lana gelacht. Sie hatte es schon schwer gehabt, vom Schlafzimmer in die Küche zu kommen. Wie sollte sie sich in ihr Auto setzen und durch die Gegend fahren für einen Test, dessen Ergebnis sie schon kannte? Ihre Gedanken wanderten weiter. Sie konnte nicht zum Arzt aber sie konnte auch nicht einkaufen, nicht in die Apotheke. Sie war gefangen hier in ihrer Wohnung noch dazu in einem Zustand, der jede senkrechte Position zu einer Kraftanstrengung werden ließ. Um ihn loszuwerden versicherte sie ihrem Chef trotzdem, sich auf jeden Fall testen zu lassen. Nie hätte sie sich die Blöße gegeben, vor ihm zuzugeben, dass sie dazu nicht in der Lage war, sich einsam und hilflos fühlte.

Sie ging zurück ins Bett und nahm ihr Handy mit. Nach einigen weiteren Stunden Schlaf wachte sie auf und fühlte sich kaum besser. Ihr Kopf dröhnte, der Halsschmerz war unerträglich und sie begann bei jeder tieferen Einatmung zu Husten. Corona-Symptome, Check! Es hatte doch geheißen, dass junge und gesunde Menschen von dieser Krankheit kaum gefährdet seien. Jetzt lag sie hier und fühlte sich halbtot. Gleichzeitig merkte sie, dass ihre Atmung zwar flacher war aber weiterhin zuverlässig funktionierte, immerhin.

Lana tastete nach ihrem Handy und schrieb ihrer Freundin eine Whatsapp-Nachricht, dass sie krank sei, mit Corona Symptomen und Hilfe benötigte. Nach nur ein paar Minuten klingelte das Telefon und die besorgte Stimme ihrer Freundin erklang am anderen Ende der Leitung. Lana versicherte, dass sie die nächsten Stunden wohl überleben würde und versuchte damit gleichzeitig, sich selbst zu beruhigen. Bei einer Grippe oder anderen Krankheiten hätte sie sich zwar geärgert, wäre aber nie über sich selbst besorgt gewesen. Immerhin hatte sie gelernt, ihrem Körper zu vertrauen. Aber jetzt kannte sich niemand aus. Das war etwas vollkommen Neues.

Ihre Freundin versprach, für sie einzukaufen und ein Kopfschmerzmittel zu besorgen. „Vergiss das Klopapier nicht“, witzelte Lana und bekam dann einen Hustenanfall. Der Freundin war nicht zum Lachen zumute. Sie versprach aber, die Einkäufe vor Lanas Wohnungstür zu stellen, direkt nach der Arbeit. Und tatsächlich: am späten Nachmittag bekam Lana eine Nachricht, dass alles was sie bestellt hatte, vor der Tür stand. Sie stand auf und öffnete. Da stand ein Korb mit Lebensmitteln und Medikamenten. Ihre Freundin war nirgends zu sehen.

„Wollte mich nicht anstecken“, schrieb die noch „Gute Besserung!“. Lana schleppte sich und die Einkäufe in die Küche und kochte einen Tee. Dabei fiel ihr Blick hinaus auf den Friedhof. Der Papa saß wieder auf der Bank. Ihr erster Reflex war, ihn anzurufen und zu sich einzuladen. Dann realisierte sie, dass sie ihn damit potenziell in Lebensgefahr bringen würde. In den nächsten zwei Wochen dürfte wohl niemand durch ihre Tür gehen. Weder hinein, noch hinaus.

Lana seufzte und legte sich zurück ins Bett, doch schlafen konnte sie nicht. Sie wälzte sich hin und her und versuchte, ihren Zustand so gut es ging zu ignorieren, ebenso wie die leise aber nicht zu überhörende Panik, die sich in ihr aufbaute. Sie war alleine, niemand konnte sich um sie kümmern. Schon deshalb nicht, weil sie niemandem zumuten wollte, sich bei ihr anzustecken.

Aus einem Reflex heraus, den sie selbst nicht so ganz verstand, nahm sie den Brief des Mannes auf dem Friedhof in die Hand. Ihn zu lesen tat ihr gut. Es erinnerte sie daran, dass sie das richtige getan hatte und, wenn sie ganz ehrlich zu sich war, erinnerte es sie auch daran, dass viele andere Menschen noch sehr viel größere Sorgen und Probleme hatten als sie gerade. Bei diesem Gedanken schämte sie sich ein wenig und schob ihn schnell beiseite. Dann tat sie etwas, das sie sich selbst nicht zugetraut hätte. Sie tippte die Telefonnummer auf dem Brief ab und drückte den grünen Hörer.

Es tutete. Lana erschrak. War sie wirklich gerade dabei, ihn anzurufen? Um Himmelswillen, was sollte sie sagen. Hallo, ich bin krank? Das konnte ihm doch egal sein. Es kam ihr geradezu obszön vor, ihn mit ihrer Situation zu belästigen. Aber sie konnte nichts tun, es tutete. Jetzt aufzulegen hätte alles nur noch schlimmer gemacht.

„Hallo?“ hörte sie eine dunkle Stimme sagen. Na toll, was jetzt? „Hallo” antwortete sie und erkaufte sich damit ein paar Sekunden Zeit. „Hier ist äh Lana… mit der Decke und dem Tee“. Was eine merkwürdige Art, sich vorzustellen. Aber so hatte er sie ja schließlich in seinem Brief auch adressiert. Er musste wissen, wer gemeint war. „Wie schön, dass du dich meldest“, sagte er und klang aufrichtig erfreut „wie geht es dir?“. Sie wusste, dass das nur eine Floskel war aber es war das erste Mal, dass sie das so direkt gefragt wurde. Sie spürte einen Kloß im Hals. Kurz dachte sie nach und merkte, dass sie nichts zu verlieren hatte „schlecht“, antwortete sie deshalb ehrlicherweise.

Das Telefonat dauerte 20 Minuten. Lana erzählte ihm von ihrer Situation. Er klang besorgt und bot sogar an, etwas für sie zu besorgen. Das war aber momentan nicht notwendig und so unterhielten sie sich nur ein wenig über Corona, die aktuelle Situation, das Wetter… Den Friedhof, das Grab und den Grund seines tagtäglichen Besuchs erwähnte keiner von beiden. Und doch schien es zwischen ihnen eine stille Übereinkunft zu geben, sich gegenseitig ein wenig Zeit zu schenken, in denen andere Dinge wichtig waren als der belastende Alltag.

Von da an telefonierten sie regelmäßig miteinander.

Er wohnte im nicht weit entfernten Hamburg und fuhr regelmäßig über die Landesgrenze nach Schleswig Holstein, um das Grab seiner Familie zu besuchen. Nach der Geschichte seiner Frau und seines Sohnes wollte Lana ihn nicht fragen. Sie wusste nur, dass es wohl ein plötzlicher Tod gewesen war. Was genau passiert war, erwähnte er nicht und es schien ihr auch nicht wichtig.

Nach einigen Tagen ging es Lana etwas besser. Das Fieber war weg, nur dieser elende Husten war noch da und schüttelte sie jedes Mal, wenn sie aufstand. Auch drei ihrer Kollegen waren wohl Corona-positiv und so musste die gesamte Wache für mehrere Wochen schließen. Ein Super-Gau für die örtliche Polizei, der auch der Presse nicht vorenthalten blieb. Lana verfolgte alles aufmerksam aber fühlte sich merkwürdig entrückt von der ganzen Situation, als beträfe es sie gar nicht. Die Wohnung war jetzt ihr Universum. Ab und an wurde sie mit Lebensmitteln versorgt aber ihre Freunde und Nachbarn getrauten sich noch nicht einmal aus weniger als fünf Metern Abstand mit ihr zu reden. Sie fühlte sich wie eine Aussätzige.

Ab und an sah sie ihre neue Bekanntschaft auf dem Friedhof sitzen. Oft auf der Bank, manchmal auch direkt neben dem Grabstein. Wenn er zufällig gerade zu ihr hinaufschaute, winkten sie sich zu. Persönlich waren sie sich noch nie begegnet.

Dann änderte sich die Situation und Lana war nicht mehr die einzige, die in ihrer Wohnung eingesperrt war. Kontaktverbot hieß die Maßnahme offiziell. Für den Papa vom Friedhof und sie bedeutete es Isolation. Für ihn machte die Situation den Schmerz noch viel schlimmer. Ablenkungen wie Arbeit, Freunde oder Sport waren unmöglich geworden. Eines Nachmittags erzählte er ihr am Telefon: „Ich muss aufhören, zum Friedhof zu fahren“. Lana verstand nicht. Er kam ja alleine und vor die Tür durfte man ja immer noch gehen. „Schleswig Holstein will nicht mehr, dass wir aus Hamburg über die Grenze fahren“, sagte er „ich will das nicht riskieren“. Lana antwortete nicht. Das konnte doch nicht der Sinn dieser ganzen Eindämmungsmaßnahmen sein, dass ein Vater nicht mehr zum Grab seiner Familie fahren konnte. „Es ist mir sicherer so“, erklärte er ihr trotzdem resigniert.

Am nächsten Tag entschied Lana sich, etwas Illegales zu tun. Sie zog sich einen Pullover an, Mütze und Handschuhe und versteckte das Gesicht hinter ihrem Schal. Dann ging sie hinaus. Es war kalt aber die Sonne schien und die frische Luft tat ihren Lungen gut. Sie gab sich alle Mühe, nicht zu Husten und sich so als Infizierte zu erkennen zu geben. Sie hatte Angst, wie die Leute reagieren würden. Konnte man sie für so etwas verhaften, würde sie dann ihren Job verlieren? Es war ihr in diesem Moment egal. Draußen zu sein fühlte sich herrlich an. Außerdem hatte sie eine Mission.

Sie pflückte ein paar Gräser und auch eine Osterglocke von der Wiese gegenüber und ging zum Grab. Der Strauß war nicht besonders beeindruckend aber sie war sich sicher, dass er sich über die Geste freuen würde. Vorsichtig legte sie die Blumen auf das Grab und trat einen Schritt zurück. Es sah gut aus, irgendwie passend. Dann nahm sie ihr Handy aus der Tasche und machte ein Foto.

Sie setzte sich auf die Bank, auf der er sonst immer saß. Es war schön hier, ein paar Sonnenstrahlen fielen durch die Bäume und man konnte die Vögel zwitschern hören. Soweit sie sehen konnte, war Lana alleine. Sie nahm ihr Handy aus der Tasche, öffnete Whatsapp und schickte ihm das Foto. Dazu schrieb sie: „Mach dir keine Sorgen, ich kümmere mich um deine Familie“.

Nächste Geschichte: Wie viel Hoffnung ist erlaubt im Epizentrum einer Katastrophe? Darf man an sich an Wunder klammern – oder muss man es vielleicht sogar?

Leave a Reply