Das Mädchen in Paris

Das Mädchen in Paris

Vera schrieb mir eine Email von dem Ort, an dem diese Geschichte endet. Sie wisse nicht, ob ihr Erlebnis als “Lovestory” zähle. Vielleicht wäre es ohne Corona eine geworden. Mit Sonnenuntergang und Abschiedskuss.

So ist es eine perfekte Erzählung unserer Zeit. Voll von Neuanfang, Verzweiflung und der Hoffnung auf ein Happy End.

Das erste, was ihr auffiel, war der Geruch nach Urin. Davon redet niemand, dachte sie. So viel war ihr berichtet worden von Paris, der Stadt der Liebe. Aber das Urin hatte niemand erwähnt. Sie war schon stolz, es bis hierhin geschafft zu haben. Jetzt stand sie am Gare du Nord und wusste nicht genau, wie es weitergehen sollte.

Sie war einfach stehen geblieben, was sich als keine gute Idee erwiesen hatte, denn die Menschen, die hinter ihr aus dem Bahnhof strömten, waren auf Hindernisse nicht vorbereitet. Ein Mann schimpfte auf Französisch als er an ihr vorbeihastete. Einer der vielen Gestalten, die am Bahnhofsausgang herumlungerten, hatte ihre statische Position bemerkt und wedelte mit einer Packung illegaler Zigaretten in ihrem Gesicht herum „cinq Euros, Madame, cinq Euros!“. Vera machte sich einen Vermerk in ihr gedankliches Reisetagebuch, in Paris niemals stehenzubleiben.

Sie hatte die Adresse ihres Apartments, in dem sie in den nächsten Monaten leben sollte, auf einen Zettel gekritzelt, den sie jetzt mit kalten Fingern aus der Manteltasche zu holen versuchte. Der Zigarettenhändler missverstand ihre Geste und wedelte noch aufgeregter mit der Packung in ihre Richtung. Vera schüttelte entschuldigend den Kopf und hob demonstrativ den zusammengeknautschten Zettel in die Luft. „Pardon“ sagte sie, wobei sie nicht wusste, wofür sie sich eigentlich entschuldigte. Sie rauchte nicht und wenn doch, hätte sie sich ganz bestimmt nicht hier eingedeckt. Als der Händler enttäuscht abdrehte, vernahm sie eines der wenigen Worte, das sie auf Französisch gelernt hatte. „Pute!“ – Schlampe.

Sie machte sich auf den Weg vom Bahnhof in eine Richtung, von der sie annahm, dass es vielleicht die richtige war. Ihr Rollkoffer klapperte hinter ihr her durch die Pfützen. Mehr als einmal fuhr sie einem umherhastenden Menschen über den Fuß. Ihre Gedanken schweiften ab nach Kalifornien, das sie hinter sich gelassen hatte, um sich ins Abenteuer zu begeben und ihre Firma für Heizungsanlagen hier in Frankreich zu vertreten. Wo sie herkam, schien immer die Sonne. Aber genau deshalb hatte sie ja weg gewollt. „Immer“ war kein Wort, das ihr behagte.

Ihr fiel auf, dass einige Menschen, die ihr auf dem Bürgersteig entgegenkamen, einen Mundschutz trugen. Vera grinste in sich hinein als sie dachte, dass das einzige, vor dem sie ihre Atemwege hier schützen wollte, der beißende Uringeruch der Metro war. Vielleicht war das der wirkliche Grund, wieso hier so viele Menschen mit den weißen Masken herumliefen. Corona, das Virus, das in China Schlagzeilen machte, nicht mehr als eine willkommene Ausrede für einen Schutz gegen die unliebsamen Gerüche der französischen Hauptstadt.

Ihr Gedankengang kam zu einem abrupten Ende, als sie merkte, dass sie an der Adresse auf dem Zettel angekommen war. Und jetzt? Dachte sie. Es gab keine Klingel, nur ein Zahlenfeld für die Eingabe eines Codes – den sie nicht kannte. Zu ihrem Glück trat ein älterer Herr gerade aus der Tür und hielt sie ihr offen. Nicht ohne eine Frage zu stellen, die Vera nicht verstand. Sie hatte sich vorgenommen, besser französisch zu lernen vor ihrer Ankunft, doch dann gab es so viel zu regeln. Sie musste das Arbeitsvisum organisieren, Koffer packen und ach ja, sich von ihrem Freund trennen. Für Französisch war da kaum Platz gewesen. „English?“ fragte sie den Mann ohne viel Hoffnung. Der lachte nur und hielt ihr die Tür weiter auf. Sie lächelte dankbar und ging hinein.

Ihre Vermieterin sprach ein paar Fetzen Englisch, so dass Vera immerhin klar machen konnte, wer sie war und was sie wollte. Als die Frau ihr die Tür zu ihrem neuen Heim aufschloss fragte sich Vera, wie zur Hölle man das als Wohnung bezeichnen konnte. Ein Zimmer unterm Dach mit Kochnische und Kleiderschrank. Vom Esstisch aus musste man aufpassen, nicht in die Dusche zu fallen. „Merci“ sagte sie trotzdem – zu müde um zu argumentieren, dass man für 750 Euro im Monat doch wenigstens Wasserkocher und Toaster erwarten könnte. Außerdem fehlten ihr die Vokabeln für eine solche Diskussion. Erschöpft legte sie sich aufs Bett und schlief ein.

Als sie aufwachte, war es draußen dunkel und ihr war bitterkalt (Tag 2)

Sie versuchte, das Licht auf ihrem Nachttisch anzuknipsen, aber nichts passierte. Mithilfe ihres Handys leuchtete sie in der Wohnung umher und fand schließlich etwas, das man mit viel Fantasie als Heizung hätte bezeichnen können. Für sie, als quasi Fachfrau, eine echte Beleidigung. Leider handelte es sich um eine Wärmequelle mit Elektroanschluss. Ohne Strom, keine Heizung. Seufzend ließ sich Vera zurück aufs Bett fallen. Eine kalte erste Nacht erwartete sie.

Am nächsten morgen suchte sie zunächst ihre Vermieterin auf, um Bescheid zu sagen, dass sie ihr ein Zimmer ohne Strom vermietet hatte. No electricity, sagte Vera mehrmals, bevor sie eine Reaktion der dunkelhaarigen Frau mit der roten Schürze bekam: „Ah, pas de courant!“. Ja genau, dachte Vera. Das war das Problem. Ihre Vermieterin versprach ihr, es möglichst schnell zu beheben.

Vera stolperte durch die ausladende Eingangstür auf die belebte Straße und sah sich um. Links neben ihr ein Café, rechts neben ihr ein Elektronikgeschäft. Da sie nichts anderes zu tun hatte, entschied sie sich für das Elektronikgeschäft. Wenn sie eines Tages Strom hätte, könnte sie einen WLAN-Anschluss gebrauchen, um mit der Heimat in Kontakt zu bleiben. Das hatte sie ihrer Mutter versprochen. Vera selbst hätte es auch gut und gerne ohne Funkkontakt über den Atlantik ausgehalten. Neustart bedeutete für sie Neustart. Ohne den sentimentalen Blick zurück.

Etwas läutete als sie eintrat. Sie schaut sich verdutzt um und sah tatsächlich eine echte Glocke, die über der Tür angebracht war. Ihr fiel diese altmodische Konstruktion direkt auf, denn im hippen Silicon Valley gab es so etwas wie Türglocken schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Sie fand es bezeichnend für ihren bisherigen Aufenthalt, dass sie über den Ausdruck „alter Kontinent Europa“ erst jetzt zum ersten Mal nachdachte. Nicht die Pariser Architektur, sondern diese Glocke führte ihr vor Augen, dass sie tatsächlich in einer anderen Welt angekommen war.

Als sie ihre Aufmerksamkeit schließlich von der Türglocke losreißen konnte, blickte sie in das Gesicht eines sehr amüsierten jungen Mannes. Es kam wohl nicht so oft vor, dass sich Kunden so intensiv mit der Eingangstür auseinandersetzten. Vera merkte, wie sie rot wurde. Sie hatte es geschafft, sich schon bevor sie das erste Mal den Mund aufgemacht hatte, als Fremde zu outen. Außerdem – und vielleicht war das der eigentliche Grund für ihre plötzliche Scham – war der Mann außerordentlich schön. „Je veux … Wifi“ brachte sie auf Französisch nur heraus, was ihr Gegenüber noch mehr amüsierte und Vera noch roter werden ließ. Zu ihrer Überraschung antwortete er in perfektem Englisch: „Das ist kein Problem, dafür sind wir ja da“.

Es stellte sich heraus, dass der junge Mann einige Zeit lang in England gelebt hatte. Für einen Franzosen äußerst ungewöhnlich aber für Vera eine sehr willkommene Überraschung. Schnell wurde jedoch klar, dass es für ihren Traum vom eigenen WLAN doch einige Probleme zu überwinden gab.

Zunächst war da der fehlende Strom in ihrer Wohnung. Der junge Verkäufer konnte gar nicht glauben, dass Vera tatsächlich in eine Wohnung ohne Strom eingezogen war. Er entschuldigte sich aufrichtig was Vera gleichzeitig absurd und charmant fand, schließlich konnte der schöne Elektrofachmann überhaupt gar nichts dafür. Er fühle sich verantwortlich für alles, was Menschen in seiner Heimatstadt so wiederfahre, erklärte er. Paris habe sich verändert in den letzten Jahren. Früher seien die Pariser echte Gastgeber gewesen, heute wolle jeder nur möglichst viel Profit machen.

Das zweite Problem war, dass es in Frankreich für einen WLAN-Anschluss absolut notwendig war, eine Französische Telefonnummer anzugeben. So etwas besaß Vera noch nicht. Sie wollte schon resigniert aufgeben, als ihr eine Idee kam: „Wieso schreibst du nicht deine Telefonnummer auf?“, schlug sie dem Mann vor und merkte, wie sie wieder rot wurde. Es entstand eine Stille von ein paar Sekunden, in der sie das Gefühl hatte, in dem grauen Laminatboden des Ladens langsam zu versinken.

Schließlich lachte der Verkäufer und zwinkerte ihr zu. „Ja, das ist eine Möglichkeit“, sagte er. Er nahm den Stift in die Hand und füllte den Bogen aus, was Vera ein paar Sekunden verschaffte, in denen sie ihn genauer betrachten konnte. Sie schätzte ihn auf Mitte zwanzig aber vielleicht ließen ihn seine dunklen Locken und seine Grübchen auch jünger aussehen als er war. Schnell erhaschte sie einen Blick auf sein Namenschild: Mathieu.

Sie hatte für ihre Verhältnisse in diesem kleinen Flirt schon sehr viel mehr Initiative gezeigt als sie es von sich gewohnt war und verspürte plötzlich das dringende Bedürfnis, den Laden zu verlassen. Hastig packte sie ihr Portemonnaie ein, nahm den Zettel mit den Informationen von der Ladentheke und wandte sich mit einem schnellen „Merci“ zum Gehen. Vor der Ladentür holte sie tief Luft und fing an zu grinsen. Solch eine Begegnung hatte sie nicht erwartet. Es würde ein schöner Aufenthalt werden.

Auch am nächsten Tag war ihre Wohnung kalt, es gab noch immer keinen Strom (Tag 3)

Sie entschied sich, ihr Handy trotzdem noch einmal anzuschalten und sich später ein Café mit Steckdose zu suchen. Zu ihrer Überraschung leuchtete das Nachrichtensymbol auf. Jemand hatte versucht, sie anzurufen. Eine Sekunde lang schoss die Hoffnung wie ein elektrischer Impuls durch ihren Körper, es könnte vielleicht Mathieu sein. Dann ärgerte sie sich über ihre Dummheit, woher sollte er ihre Amerikanische Telefonnummer haben?

Sie öffnete die Nachricht und sah, dass ihr Chef in Los Angeles versucht hatte, sie zu erreichen. Um ein Uhr morgens. Das mit der Zeitverschiebung schien er noch nicht so ganz verstanden zu haben. „Ruf mich bitte dringend zurück“ hatte er ihr noch geschrieben.

Nach dem Gespräch mit ihrem Chef musste sie sich erstmal auf ihr Bett setzen. Ihr Projekt, für das sie angereist war, war für unbestimmte Zeit ausgesetzt. Der Grund war, und das fand sie wirklich lächerlich, das Corona-Virus. Sie sollte aber erstmal in Paris bleiben und sehen, wie sich die Lage entwickelt. „Wir zählen auf dich, Vera“, hatte er zum Abschied gesagt und aufgelegt. Jetzt saß sie in ihrem kalten, dunklen Apartment und wusste nicht, wieso eigentlich.

Sie lachte ein merkwürdiges Lachen, das sie selbst etwas verängstigte und legte den Kopf in die Hände. Fast war es witzig. Alleine in Paris, ohne Französisch zu sprechen in einer Wohnung ohne Strom und Heizung. Wenigstens WLAN würde sie bald haben. Obwohl, ohne Strom war auch das unwahrscheinlich.

Plötzlich stand sie abrupt auf und biss sich auf die Unterlippe. Bescheuert! Der WLAN-Installateur würde jetzt natürlich Mathieu anrufen und nicht sie. Woher sollte sie wissen, wann er bei ihr vorbeischauen würde? Sie musste zurück in diesen Laden.  Sie musste aber auch bei ihrer Vermieterin vorbeischauen, um die Stromfrage zu klären und fragte sich, was von beidem dringender war. Ihr war klar, dass die Antwort lautete, dass sie sich erst um den Strom kümmern müsste. Trotzdem entschied sie sich, zunächst zurück in das kleine Elektrogeschäft zu gehen.

Als sie eintrat, ertönte wieder diese Glocke. Verrückt, dachte sie, als sie dieses Geräusch zum ersten Mal gehört hatte, war alles noch anders gewesen. Damals hatte sie sich auf einen neuen Auftrag, neue Kollegen, ein neues Projekt gefreut. Dann erinnerte sie sich, dass dieses „damals“ erst gestern gewesen war. Zeit war etwas äußerst Merkwürdiges.

Mathieu war nirgendwo zu sehen. Ein älterer Kollege stand stattdessen an der Ladentheke und sortierte ein paar Kabel. Sein „Bonjour Madame“ ließ sie bereits ahnen, dass sie diesmal mit Englisch nicht so weit kommen würde. Sie versuchte, sich im Kopf einen Satz auf Französisch zurechtzulegen aber scheiterte bereits an dem Wort „Telefonnummer“. Der Verkäufer legte den Kopf schief und schaute sie an, als wäre sie stark eingeschränkt. Das ärgerte sie. Ihm musste doch klar sein, dass es an der Sprache und nicht ihren geistigen Fähigkeiten scheiterte. Verzweifelte fragte sie nur: „Mathieu?“. Noch während sie das sagte, wurde sie wieder rot.

Der Verkäufer drehte sich um und brüllte durch den ganzen Laden „Mathieu!“. Die schwarzen Locken kamen zum Vorschein und sofort waren auch das breite Grinsen und die Grübchen wieder da. Freute er sich, sie zu sehen? Beide finden gleichzeitig an zu reden „Telefonnummer…. Wifi… erreichbar“ und begannen dann zu lachen. Der Fehler war ihm offenbar auch schon aufgefallen. Der Installateur hatte sich schon gemeldet und wollte am nächsten Morgen vorbeikommen. Vera schlug vor, sich in das Cafe nebenan zu setzen, mit ihrem Buch und einer roten Mütze, so dass er sie finden und mit ihr gemeinsam in die Wohnung gehen könnte.

Als das geklärt war standen sich die beiden noch kurz gegenüber und wussten nicht, was sie noch sagen sollten. „Na dann“, versuchte es Vera „äh danke und äh Tschüß“. Mathieus grimmiger Chef verstand wohl so viel Englisch, dass er erkannte, dass Vera gehen wollte. „Pay, pay“, rief er durch den Laden und Vera fragte sich, wie man in einem so simplen Wort so viel französischen Akzent unterbringen konnte. Natürlich zückte sie trotzdem ihr Portemonnaie und bezahlte die horrenden 40 Euro Vermittlungsgebühr.

Die Museen waren geschlossen wegen dieses verrückten Virus und so ging sie aus Mangel an Alternativen zurück in ihre dunkle Dachgeschosskammer. Vorher klopfte sie noch bei ihrer Vermieterin und sagte ihr, dass sie bis morgen jetzt aber wirklich unbedingt Strom bräuchte. Sie las auf ihrem Bett in ihrem Hemingway-Buch bis es dunkel wurde und sie nichts mehr sah. Auch wenn es kontraproduktiv war, um ihren Jetlag loszuwerden, schlief Vera schon um 8 Uhr ein.

Das Blaulicht an ihrer Decke riss sie mitten in der Nacht aus dem Schlaf (Tag 4)

Es kam von draußen aus dem Innenhof. Sie stand auf und hustete. In dieser Kälte hier würde sie noch krank werden. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um aus ihrem kleinen Fenster auf den Hof blicken zu können. Ein Krankenwagen stand in der Einfahrt, Sanitäter luden jemanden ein. Es war, wenn die Dunkelheit und die Entfernung Vera nicht täuschten, der Mann, der ihr an ihrem ersten Tag die Tür aufgehalten hatte.

Ihr schauderte es. Wahrscheinlich war es ein Herzinfarkt, ein Schlaganfall, etwas das man in diesem Alter nun mal bekommt. Schlimm genug, dachte sie, aber was, wenn es einen anderen Grund gab? Dieses Virus, eine Epidemie. Reiß dich zusammen, dachte sie, jetzt wurde sie schon paranoid in dieser engen Wohnung. Wenigstens konnte sie sich hier nicht anstecken dachte sie und versuchte so, sich mit ihrer Ironie selbst aufzuheitern. Es gelang nicht. 

Der nächste Morgen brachte Sonne, immerhin. Sie erinnerte sich daran, dass sie ja eine Verabredung mit einem unbekannten Installateur in einem Café hatte und freute sich darüber, überhaupt etwas zu tun zu haben. Sie zog sich an und ging die Treppe herunter, um sich einen wahnsinnig teuren Cappucino und ein Croissant zu gönnen. Sie setzte sich in die Sonne, doch lange Zeit bediente sie niemand.

Im Inneren der Brasserie standen alle Angestellten um einen Fernseher herum, in dem der französische Präsident zu sehen war. Er hatte wohl am Abend vorher eine Rede gehalten. Sie hatte keine Ahnung, was der Inhalt dieser Rede war, schließlich verstand sie nichts und hatte kein Internet, um sich über die Lage in ihrem neuen Heimatland zu informieren. Nach etwa 20 Minuten kam schließlich doch noch ein Kellner zu ihr und fragte sie mit abwesender Miene, was sie gerne hätte.

Für einen kurzen Moment ging es Vera gut. Sie saß in der Sonne mit ihrem Buch und ihrem Croissant und fühlte sich sehr Französisch. Und dann passierte etwas, das sie wirklich nicht für möglich gehalten hätte. Ein Mann sprach sie an.  Wegen seines Mundschutzes verstand sie ihn noch schlechter als eh schon, aber eines hörte sie ganz eindeutig heraus: das Wort „Wifi“. Vera starrte ihn an und konnte kaum glauben, dass ausgerechnet diese kühne Idee funktioniert haben sollte, wo doch so viele andere Dinge bisher nicht funktioniert hatten. Sie lachte triumphierend und gab Mathieu ein innerliches High-five.

Sie zahlte und geleitete den Herren des Internets in ihre Wohnung. Als sie den Lichtschalter betätigte, glühte die Lampe auf. Es gab Strom! Fast wäre sie dem unbekannten Installateur um den Hals gesprungen. Sie hatte Strom und bald auch Internet! Verrückt, worüber sie sich dieser Tage schon freute. Der Mann machte sich ans Werk, stellte den Router auf, gab ihr die Durchschrift des Vertrages und verabschiedete sich dann wortlos und ohne Handschlag.  

Vera war stolz darauf, ihre erste große Herausforderung gemeistert zu haben und wollte Mathieu davon erzählen. Er musste ja wissen, dass alles geklappt hatte. Aus ganz professionellen Gründen. Er brauchte da wirklich dringend eine Rückmeldung. Sie ging beschwingt die Treppen hinunter und bog rechts ab, um sein Geschäft zu betreten. Die Tür öffnete sich nicht. Es brannte kein Licht. Am Fenster hing ein Zettel auf Französisch, den Vera nicht verstand. Verzweifelte versuchte sie, Wörter zu finden, die sie kannte. Sie fand eines: Corona.

Ihr Blick wanderte von der Tür des Ladens die Straße hinab. Auch alle anderen Geschäfte waren geschlossen. Das hatte Herr Macron am Abend vorher also verkündet. Bis auf das Café, in dem sie eben noch gesessen hatte, war alles zu. Auch die Bürgersteige waren kaum belebt. Aber das schlimmste war, dass dieses kleine Elektrogeschäft, das Symbol ihrer Hoffnung auf… ja auf was eigentlich? Einen netten Flirt, eine erste Bekanntschaft, ein bisschen Ablenkung… geschlossen hatte. Abgeriegelt war somit auch ihre Hoffnung, den schönen Verkäufer wiederzusehen.

Alles kam ihr unwirklich vor. Wie in einem Alptraum. Noch vor einer Woche war sie in Kalifornien gewesen in der Sonne. Hatte sich gefreut auf Paris, die Stadt aller Städte, hatte ihren Freunden, Verwandten und auch vielen Leuten, die sie gar nicht so richtig kannte und die es sicher auch nicht hören wollten, von ihrem großen Abenteuer erzählt. Das war es jetzt. Ein dunkles Zimmer und eine geschlossene Stadt in einem Land dessen Sprache sie nicht sprach und das ganze mitten in einer Seuche. Panik kam in ihr auf. Was jetzt? Sollte sie zurück nach Hause? Konnte sie überhaupt noch zurück?

Sie stieg die Treppen wieder hinauf und setzte sich auf ihr Bett. Ihr Blick wanderte von dem blinkenden Router auf die Durchschrift des Vertrages. Da stand eine Nummer, in Handschrift gekritzelt: „Ihre“ Telefonnummer, Mathieus Telefonnummer! Hastig nahm sie das Blatt in die Hand und versuchte, das Gekritzel zu entziffern. War das eine 7 oder eine 1? Wieso waren die Zahlen in Europa anders als in den Staaten!? Sie verband ihr Handy mit dem neu installierten WLAN und öffnete Whatsapp. Sofort wurde sie mit etwa 150 Nachrichten überschwemmt, die sie erstmal ignorierte.

Erneut nahm sie den Zettel in die Hand und versuchte, die Telefonnummer zu entziffern. Schließlich entschied sie sich, dass es eine 7 sein musste. Die Suche in ihren Whatsapp Kontakten ergab keinen Treffer. Sie löschte die 7 und tippte stattdessen eine 1 ein. Unter „Mathieu Paris“ erschien jetzt ein Kontakt und ein Bild von einem Mann mit schwarzen Locken. Sie hatte ihn gefunden.

Vor lauter Aufregung stand Vera von ihrem Bett auf und knallte mit dem Kopf an die Schräge ihres Zimmers. Der Schmerz mischte sich mit ihrer Freude, Hoffnung und gleichzeitigen Verzweiflung. Zu viele unterschiedliche Gefühle für einen Nachmittag dachte sie und versuchte, durchzuatmen und sich wieder zu beruhigen. Eins nach dem anderen. Was sollte sie Mathieu schreiben? Es überraschte sie, dass das die erste Frage war, die ihr durch den Kopf schoss, wo es in diesem Moment doch so viele andere überlebenswichtige Fragen gegeben hätte. Verknallt zu sein konnte sie jetzt gerade eigentlich wirklich nicht gebrauchen.

Sie schloss Whatsapp und entschied sich, diesen kleinen Schatz erstmal noch für sich zu behalten. Schließlich hätte Mathieu mit einer doofen Antwort (oder noch schlimmer, gar keiner Antwort) alles wieder entzaubern können.

Stattdessen googelte sie, mit welcher Situation sie sich hier gerade konfrontiert sah. Ihre englische Suche nach „Frankreich Corona“ ergab erstaunlich viele Treffer. Sie überflog die Artikel, klickte sich immer schneller von einem zum nächsten. Die Wörter „Ausgangssperre“, „Schließungen“, „Notstand“ und „Überlastung der Krankenhäuser“ flogen ihr entgegen. Verdammt, wie hatte die Situation an ihr vorbei so schnell eskalieren können? Sie las außerdem, dass der Flugverkehr von Europa in die USA massiv eingeschränkt wurde. Der Weg zurück würde mehr als schwierig.

Sie schloss die Augen und ließ sich rückwärts auf ihr Bett fallen

Immer noch fühlte sich alles so surreal an, als wäre sie gefangen in einer Netflix-Serie, als betrachte sie sich selbst von außen. Wahrscheinlich hätte sie über die Blödheit der Protagonistin gelacht. War es nicht offensichtlich, was da auf sie zukam? Wie konnte man sich in so einer Situation noch mit banalen Dingen wie Kaffeetrinken oder noch schlimmer, Flirts mit Elektrofachmännern beschäftigen, wo die Welt doch so offensichtlich in den Abgrund steuerte? Aber gerade das war es ja. Offensichtlich war gar nichts mehr.

Weil es sonst nichts gab, was sie tun konnte, öffnete sie Mathieus Whatsapp-Kontakt wieder und begann, eine Nachricht zu tippen. Sie schrieb, von dem erfolgreich installierten WLAN und scherzte über ihre Situation. „Wenn die Welt zugrunde geht und ich hier in meiner Dachgeschosswohnung vor mich hinvegetiere, habe ich immerhin WLAN, um mir dabei Katzenvideos auf Youtube anzuschauen – ich danke dir herzlich, dafür“. Sie hoffte, er würde ihren Humor verstehen. Sie zögerte, dann tippte sie noch einen ernsten Satz: „Ich weiß wirklich nicht, was ich jetzt tun soll“. Bevor sie darüber nachdenken konnte, drückte sie auf senden und warf ihr Handy aufs Bett.

Kurz blieb sie sitzen und atmete dreimal tief durch. Dann begann sie, sich auszuziehen, um zu duschen. Als sie sich unter den Strahl stellte merkte sie zwar, wie sich ihre Muskulatur entspannte, die kreisenden Gedanken und das Herzklopfen konnte das Wasser aber nicht abwaschen. Sie würde sich wohl erstmal daran gewöhnen müssen. Sie duschte lange, sehr lange. Hier war sie sicher, hier war die Welt noch in Ordnung.

Als das Wasser irgendwann kalt wurde, stieg sie aus der Dusche und wickelte sich in ihr Handtuch. Das Zimmer war dunkel, nur durch ihr Fenster fiel ein wenig Licht herein. Der Lichtschalter befand sich auf der anderen Seite, neben der Eingangstür. Plötzlich sah sie etwas in der Dunkelheit aufleuchten: ihr Handy. Mathieu hatte ihr geantwortet.

„Wir sehen uns bald wieder. Nicht in einem Geschäft, sondern zu zweit in einer Bar, ich lade dich ein. Und mach dir keine Sorgen, es gibt so viele Katzenvideos im Internet, du wirst sie gar nicht alle anschauen können bevor das alles wieder vorbei ist.

Vera setzte sich auf ihr Bett und betrachtete die Nachricht noch sehr lange. Dann drückte sie das Handy an ihre Brust und schaute einem Impuls folgende in Richtung Zimmerdecke. Hoffentlich Mathieu, dachte sie, hoffentlich behältst du Recht.

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